Koptische Textilien für das Forum Wissen

Eine Schenkung spätantiker ägyptischer Textilien des Ehepaars Fritz und Renate Helten bereichert seit 2016 die Ägyptologische Sammlung der Universität Göttingen. Unsere Autorin Clara Helming sprach mit Fritz Helten und der Koptologin Dr. Suzana Hodak über die historischen Stoffe und ihre lange Reise nach Göttingen.

Detailansicht eines der verzierten koptischen Textilien

Von Ägypten über Teneriffa nach Göttingen

Gesamtansicht eines der sechs koptischen Gewebefragmente

Für Fritz Helten beginnt diese Geschichte im Februar 1967. Auf einem Markt der Altstadt von Icod de los Vinos auf Teneriffa machte er einen besonderen Fund. Zwischen Kunsthandwerk und Touristensouvenirs lagen dort filigran verzierte Webereien, die einen historischen Eindruck machten. Die Verkäuferin, eine Schwedin in ihren Fünfzigern, die auf der Insel als Aussteigerin lebte, pries sie als 1500-jährige ägyptische Grabbeilagen an, seltene Beispiele koptischer Kunst. Sie habe die Textilien von ihrem Vater geerbt, einem ehemaligen schwedischen Botschafter in Ägypten.

Es waren nicht die ersten koptischen Textilien, die Fritz Helten zu Gesicht bekam. In der Sammlung seines Vaters befanden sich drei aufwendig gewebte Textilstücke, die große Ähnlichkeit mit den Stoffen aufwiesen, die jetzt auf Teneriffa vor ihm lagen. Sein Großvater war ein leidenschaftlicher Kunstsammler und hatte sie von einer Reise aus Ägypten mitgebracht. Als Textilexperte und Kunstliebhaber war Fritz Helten von seinem Fund begeistert. In den kommenden Tagen fuhr er immer wieder mit seinem Motorroller zum Stand der Schwedin. Er verhandelte mit ihr über den Preis und versuchte sich Gewissheit über die Authentizität der Textilien zu verschaffen. Schließlich einigten sie sich. Das Gutachten einer Professorin des Museés d`art et d`histoire in Genf bestätigte später die Echtheit der koptischen Textilien. Es handelt sich tatsächlich um Funde aus den spätantiken Nekropolen Ägyptens.

Detailansicht. Die Gewebefragmente dienten als Zierstreifen auf Kleidung oder Decken

In den kommenden Jahrzehnten hingen alle sechs Textilfragmente — die drei des Großvaters und die drei auf Teneriffa erworbenen — im Haus der Heltens. Auf Pappe gezogen und gerahmt erfreuten sie Familie und Freunde. Schon früh fanden die Heltens auch Gefallen an der Idee, ihre Ausstellungsstücke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch lange gab es hierfür in Göttingen keine geeigneten Möglichkeiten – bis die Planungen für das Forum Wissen Gestalt annahmen. Fritz und Renate Helten beschlossen daraufhin die Textilien der Universität als Schenkung zu überlassen, worüber sich besonders die Zentrale Kustodie und die Ädyptologische Sammlung freuten.

Großes Glück für die Wissenschaft

Die Göttinger Koptologin Dr. Suzana Hodak, die zudem an der Universität Münster tätig ist, wurde mit der wissenschaftlichen Einordnung der Textilien beauftragt. Sie bestätigte, dass die Stoffe aus dem spätantiken Ägypten stammten, auch wenn eine genauere geographische Bestimmung sehr schwierig ist. Auch die exakte Datierung ist nicht einfach. Vermutlich sind sie aber ab dem 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus entstanden.

Aufgrund des besonderen Klimas in den Grabstätten blieben die Stoffe über Jahrhunderte gut erhalten

Im Gegensatz zur allgemeinüblichen Annahme bezieht sich das Wort „koptisch“ im wissenschaftlichen Kontext nicht nur auf das christliche Ägypten, sondern allgemein auf Ägypten nach der Zeit der Pharaonenherrschaft. Das Land war damals ein multiethnischer, multireligiöser Schmelztiegel. Dies spiegele sich auch in den Textilien wieder, die dort in den Gräbern gefunden wurden. Religiöse und weltliche, christliche und heidnische Symbole finden sich häufig auf ein und dem selben Stück Stoff.

Die Textilien liefern der Wissenschaft seltene Einblicke in den Alltag der koptischen Kultur der Spätantike

Bei den Textilien der Heltens handelt es sich laut Frau Hodak um Zierstreifen von Tuniken und Mänteln oder Decken aus Wolle und Leinen, die aus größeren Stoffstücken herausgeschnitten wurden. Diese Praxis war seit den ersten großen Textilfunden in Ägypten Ende des 19. Jahrhunderts sehr verbreitet. Die Tuniken, Decken und Behänge wurden aus archäologischen Grabungsstätten entfernt oder stammen von Grabraubungen. Ohne großes Federlesen wurden sie zerschnitten, gerahmt und an europäische Reisende als Souvenirs oder an Museen als gefällige Anschauungsstücke antiker Textilproduktion und Mode verkauft. In der Belle Epoche gab es in Europa eine große Nachfrage nach den archäologischen Funden der alten Ägypter, deren Muster in Mode und Gestaltung nachgeahmt wurden. Für die Wissenschaft waren die Funde ein großes Glück, da sie seltene Einblicke in das Alltagsleben der spätantiken Kulturen des Mittelmeerraums geben. Nur aufgrund des trockenen Klimas in den ägyptischen Grabstätten blieben die Textilien erhalten, während Zeugnisse dieser Zeit in anderen Regionen längst verschwunden waren.

Spätantike Textilien für Forschung und Lehre

Ein weiteres der sechs Fragmente: die abgebildeten Motive wiederholen sich

Inzwischen sind die koptischen Gewebe restauriert und lagern unter angemessenen konservatorischen Bedingungen in klimatisierten Depots unter dem Kulturwissenschaftlichen Zentrum der Universität Göttingen. In den kommenden Semestern sollen sie vor allem zu didaktischen Zwecken eingesetzt werden. Studierende der Ägyptologie und besonders der Koptologie können jetzt an Originalobjekten die Beschaffenheit und Gestaltung der Textilien untersuchen, antike von modernen Stopflöchern zu unterscheiden üben und lernen, die verborgenen Hinweise über das Leben ihrer historischen Trägerinnen und Träger zu entschlüsseln. Ihre Forschungsergebnisse könnten sie dann mit den Stoffen im künftigen Forum Wissen präsentieren.

Was verrät dieses Wesen über die einstigen Trägerinnen oder Träger?

 

Fotos: Detlef Schnier

 

 

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