Mensch und Maschine: Wer entwickelt wen?

Eine Ausstellung wollte ich schon lange einmal gestalten. Als ich daher im September 2019 die Ankündigung lese, nutze ich die Gelegenheit: Recherche- und Ausstellungsseminar „Sehen, gehen, denken mit Geräten – Anthropotechniken in den Göttinger Universitätssammlungen“. Anthropotechniken? Damit hatte ich mich in meinem Archäologie- und Sprachwissenschaftsstudium noch nie befasst.

Illustration: Natalie Bleile.

Mitte Oktober sitze ich in einem Seminarraum im Alten Auditorium der Uni Göttingen, zusammen mit Studierenden der Kunstgeschichte, Philosophie, Komparatistik, Kulturanthropologie und Soziologie – Geisteswissenschaftler*innen durch und durch. Auch unsere Dozentinnen – Prof. Dr. Margarete Vöhringer, Dr. des. Jana August und Ida Becker – haben alle einen kunsthistorischen oder kulturwissenschaftlichen Hintergrund. Daher wollen wir uns den naturwissenschaftlich-technischen Objekten zunächst nicht durch Recherche, sondern durch genaues Betrachten und Beobachten nähern. Vielleicht entwickeln wir aber auch Fragen, an die Technik-Expert*innen gar nicht denken?

Ein neuer Blickwinkel

Unser nächstes Treffen ist im Gebäude der Physik am Nordcampus, wo wir uns das Physicalische Cabinet anschauen wollen. Dr. Daniel Steil, Kustos der Sammlung, führt uns durch den Ausstellungsraum und zeigt uns sogar noch das Depot im Keller. Ein Objekt fällt mir besonders auf: ein Augenmodell. An ihm erklärten Dozenten des 18. Jahrhunderts einst die optischen Eigenschaften des Auges. Ob auch Georg Christoph Lichtenberg es für seine Göttinger Studierenden genutzt hat? Wir wissen es leider nicht.

Modell des menschlichen Auges aus dem Physicalischen Cabinett. Foto: Sauer-Marketing.

Dennoch bin ich überrascht: Mit so einem Objekt habe ich nicht gerechnet. Dabei erscheint es mir im Nachhinein glasklar, dass es für das Verständnis und die Entwicklung von optischen Linsen hilfreich ist, das menschliche Auge zu verstehen.

Wir alle haben den Auftrag, uns ein Objekt aus einer der von uns besuchten Sammlungen auszusuchen, um es im Seminar und später in der Ausstellung vorzustellen. Als ich die vielen Teleskope sehe, erinnere ich mich an die historischen Instrumente in der Astrophysik. Von diesen hat mir eines besonders gut gefallen und ich wähle es schon jetzt als mein Objekt aus.

Zusammenarbeiten

Einige Wochen später verabreden wir uns mit Prof. Dr. Dirk Jaeger an der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie. Er spricht über forstwirtschaftliche Verfahrenstechnik. Es geht darum, Arbeitsprozesse nicht nur ressourceneffizient und ergonomisch, sondern auch sozial- und umweltverträglich zu gestalten. Ein besonderer Fokus liegt auf den Forstarbeiter*innen: Technische Fortschritte sollen ihnen die Arbeit erleichtern und ihren Schutz gleichzeitig erhöhen.

Was bedeutet das für unser Ausstellungsprojekt? Ich nehme auf alle Fälle mit, dass die Maschinen an die Anatomie des Menschen angepasst werden.

Anatomische Modelle im Institut für Arbeitswissenschaft und Verfahrenstechnologie. Foto: Ida Becker.

Als wir jedoch auf dem Weg in die Werkstatt an verschiedenen Kettensägenmodellen vorbeikommen, fällt auf, dass diese Auffassung eher modern ist. Während die neuen Modelle ergonomisch geformt sind, scheinen die älteren schwer und unhandlich zu sein. Offenbar ging es bei der Entwicklung von Maschinen nicht immer darum, diese möglichst passend für die Benutzer*innen zu bauen.

Aus der Geschichte der Kettensägen. Foto: Ida Becker.

In der Werkstatt dann ist es sehr laut und ganz schön kalt. Im Gegensatz zu den Mitarbeiter*innen tragen wir keine Gehörschützer. Prof. Jaeger erklärt uns verschiedene Techniken und Arbeitsgeräte, die bei der forstwirtschaftlichen Arbeit eingesetzt werden. Schließlich nimmt er zwei Kettensägen und führt uns nach draußen. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand von uns schon einmal eine Kettensäge in der Hand gehalten hat. Wenn ich mir die anderen ansehe, denke ich: nein. Nach einer kurzen Einweisung darf jeder ein Gerät kurz halten und sogar starten. Zum Glück handelt es sich um neueste Modelle, sodass unsere Unsicherheit schnell verfliegt.

Kettensägen nach den neuesten Standards. Foto: Ida Becker.

Gedanken verarbeiten

Zwei Wochen später treffen wir uns am Rechnermuseum der Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung Göttingen (GWDG) am Faßberg wieder und schauen uns verschiedene Rechnermodelle an. Es ist faszinierend zu sehen, wie schnell aus einer Maschine für mathematische Berechnungen ein Gerät entwickelt wurde, das heute unser Leben maßgeblich prägt. Daher habe ich das folgende Foto ausgewählt. Ahnen Sie, was daraus entstanden ist?

Brunsviga 15. Rechnermuseum GWDG. Foto: Michael Jayalath.

Auch hier sammeln wir praktische Erfahrungen und erleben die Maschinen hautnah: Gemeinsam mit Dr. Jens Kirchhoff vom Computer Cabinett Göttingen spielen wir Spacewar –  eines der ersten Computerspiele! Und Kustos Simon Heider zeigt uns Objekte, die fremder nicht sein könnten: unzählige Kabel, Platinen, Schalter und Knöpfe – oft weiß ich nicht einmal, welche Art von Gerät ich vor mir habe.

In dieser Sammlung fällt es uns besonders schwer, die Maschinen zu verstehen. Sie übernehmen so viel abstraktere Aufgaben als die Objekte aus den anderen Sammlungen. Die Schnittstellen zu uns sind unsichtbar, gleichzeitig allgegenwärtig. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – finden zwei meiner Kommilitonen hier ihre Ausstellungsobjekte.

UNIVAC 1004 Schalttafel. Rechnermuseum der GWDG. Foto: Michael Jayalath.

Verschwimmende Grenzen

Unsere letzte Exkursion führt uns in die Kunsthalle HGN nach Duderstadt: Kuratorin Maria Hauff und der ehemalige Ottobock-Mitarbeiter Lothar Milde zeigen uns die Ausstellung „Vom Start-up zum Weltmarktführer. 100 Jahre Ottobock„. Wir erfahren viel über die Geschichte der Prothetik, aber auch über die immer weiter zunehmende Akzeptanz von Prothesen in der Gesellschaft und den Stolz ihrer Träger*innen. Es ist spannend zu sehen, wie sich die Prothese immer mehr an den Menschen anpasst, diesen teilweise zu sportlichen Höchstleistungen bringt oder ihm, wie zum Beispiel mit dem Exoskelett, harte körperliche Arbeit erleichtert. Zurück in Göttingen philosophieren wir darüber, in wie weit der menschliche Körper durch Prothesen erweiterbar, wenn nicht sogar verbesserbar ist.

Objektanalysen

Ende Januar 2020 stellen wir uns endlich unsere Objekte gegenseitig vor: Zwar haben wir im Laufe des Seminars schon viel gelesen und bei Vorträgen und Führungen viel gelernt, zu unseren ausgewählten Objekten dürfen wir jedoch noch nicht in die Textrecherche einsteigen, sondern müssen uns ganz auf unsere eigenen Beobachtungen verlassen. Los geht es mit dem Rechnermuseum. Linus Rieß und Philip Flacke stellen spannende Fragen an ihre Objekte, deren überraschende Antworten sie später in der Ausstellung präsentieren werden.

Gesa Saloga beschreibt eine Handprothese, die wir beim Besuch in Duderstadt gesehen haben. Zwar wird dies nicht ihr Ausstellungsobjekt, aber es bringt sie auf die Idee, eine „Prothese“ auszustellen, die wahrscheinlich jeder schon einmal benutzt hat.

In der Sammlung Astrophysik hat Kustos Dr. Klaus Reinsch „mein“ Objekt extra für uns in eine Vitrine gelegt. Was auf den ersten Blick wie ein verzierter Holzkasten aussieht, hat es wortwörtlich „in sich“.

Was versteckt sich hier bei der Objektvorstellung? Foto: Ida Becker.

Auf ins Digitale

April 2020: Corona und ausstellen – wie soll das gehen? Wir beschließen, unsere physische Ausstellung zu einer digitalen werden zu lassen. Das heißt umplanen: Wie lassen sich unsere Objekte am besten online präsentieren? Wie soll die Webseite aussehen? Wer wird sie programmieren? Und wie sollen wir Fotos von den Objekten machen, wenn die Uni geschlossen ist?

Gemeinsam schauen wir uns digitale Ausstellungen an und nehmen so Ideen für unsere eigene mit. Nach zahlreichen Zoom-Meetings, Objektrecherchen, ersten Textentwürfen und sogenannten „Moodboards“ legen wir das Ausstellungskonzept fest. In der vorlesungsfreien Zeit entwickeln wir mit Unterstützung von Thomas Konradi, Webdesigner bei www.kulturerbe.niedersachsen.de, einen ersten Webseitenentwurf und beauftragen die Illustratorin Natalie Bleile. Beim Fotografieren der Objekte hilft uns die Zentrale Kustodie der Uni Göttingen mit ihrer Fotostation. Im September steigen wir ganz in die Textproduktion ein und bald geht es an den Feinschliff der Webseite.

Mai 2021: Es ist es soweit

Unsere Ausstellung wird „eröffnet“ und Computersinne. Wie Magnetband, Binokular, Computermaus und Lochkartenlocher unseren Blick auf das Digitale verändern“ geht online. Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei!

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