Brandenburger Notizen: auf den Spuren Fontanes

Einige Überreste des Göttinger Literaturherbstes sind auch ein paar Wochen danach noch zu bestaunen. Zum Beispiel stolpert man beim Betreten der SUB Göttingen auf ein halbes Labyrinth aus Stellwänden, die inmitten des Foyers die gewohnten Wege zwischen Eingang, den Schließfächern und dem Abholbereich verändern. Der schnellstmögliche Weg führt einmal außen herum. Doch auch die ausgestellten Werke auf den Rückseiten der Wände machen neugierig. Zu sehen ist eine Mischung aus Fotografien, Zeichnungen und Textausschnitten.

Die Wahrnehmungen der drei Akteure – aus dem 19. Jahrhundert, der DDR-Zeit und der Gegenwart – kommen in dem Ausstellungskonzept zusammen (Foto: Meike Hartmann)

Eine Gesamterfahrung

Die Fotografien stammen von zwei unterschiedlichen Fotografen. Sie beide begaben sich auf eine Entdeckungsreise. Sie besuchten die gleichen Orte, doch in unterschiedlichen Jahrhunderten. Sie folgten den Spuren des bekannten Schriftstellers Theodor Fontane, der sich auf einen Streifzug durch seine Heimatlandschaft Brandenburg auf die Suche nach Inspiration begab. Die Rede ist von seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Für dieses Werk wanderte er durch diese Landschaften und füllte seine 67 Notizbücher mit Aufzeichnungen in Wort und Bild. Neben den Notizen machte sich Fontane sorgfältige Abzeichnungen von Gebäuden und Landschaften und hielt insgesamt den Charme und die gewisse Anziehungskraft einzelner Plätze und einer ganzen Gegend in den Seiten seiner Hefte fest. Fontanes beschreibenden Gedanken und Zeichnungen werden in der Ausstellung durch die Fotografien von Heinz Krüger und Lorenz Kienzle zu einem neuen Ganzen erweitert, zu einem weitergedachten Narrativ, zu einer Gesamterfahrung.

Der Markt von Wusterhausen/Dosse in den 1970er Jahren fotografiert von Heinz Krüger

Brandenburger Notizen: Fontane – Krüger – Kienzle

Auch Dr. Gabriele Radecke von der Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen findet diese Notizen und Aufzeichnungen mindestens genauso spannend wie das fertige Werk der Wanderungen. Sie arbeitet als Herausgeberin seit 2011 an der digitalen Edition der Notizbücher Fontanes. In der Veranstaltungsreihe „Science & Arts“ des diesjährigen Göttinger Literaturherbstes machten die Literaturwissenschaftlerin und der Fotograf Lorenz Kienzle den Auftakt. In ihrem Gespräch zu den „Brandenburger Notizen: Fontane – Krüger – Kienzle“ ging es um das „Geflecht von Bezügen“, welches durch die Kombination von Fotografien, Texten und Zeichnungen in der Ausstellung entsteht. In der Ausstellung reihen sich zum Beispiel eine Zeichnung eines Kornspeichers in Gentzrode aus Fontanes Aufzeichnungen und Kienzles Foto vom selben Kornspeicher nebeneinander. Es ist unverkennbar, dass es sich um das gleiche Motiv handelt.

Der Kornspeicher von Gentzerode mit Wohnturm fotografiert von Kienzle (rechts); daneben Fontanes Zeichnung des selben Sujets aus der digitalen Notizbuch-Edition.

Bilder aus drei Epochen

Die Anziehungs- und auch Aussagekraft der Plätze halten sowohl Fontane als auch die beiden Fotografen fest: Der in Brandenburg geborene Heinz Krüger führte seine Wanderungen in den sechziger Jahren durch, der Berliner Fotograf Lorenz Kienzle war im 21. Jahrhundert mit dem Fahrrad auf der Strecke unterwegs. Die Wahrnehmungen der drei Akteure – aus dem 19. Jahrhundert, der DDR-Zeit und der Gegenwart – werden in der Ausstellung kombiniert und ergeben ein neues, gemeinsames Bild der Landschaft und Kultur, die Fontane einst so in den Bann zog. Zu sehen sind Bilder von Natur, von Mensch und Tier, von Gebäuden und von Alltäglichem. So spielen unter anderem Fontanes Geburtsort Neuruppin oder der beliebte Stechlinsee eine besondere Rolle in der Ausstellung. Durch die Fotografien wird die Vergänglichkeit der Orte ersichtlich, doch der Geist und die Zeitlosigkeit, die schon in Fontanes Aufzeichnungen zu spüren sind, leben an den Schauplätzen weiter.

Klosterkirche St. Trinitas in Neuruppin 1970 (Foto: Heinz Krüger)

Die Ausstellung erinnert an den 200. Geburtstag von Theodor Fontane (1819 bis 1898) und ist ein Projekt von „fontane.200“. Noch bis zum 19. November 2019 kann die Ausstellung zu den Öffnungszeiten der SUB besucht werden. Der Eintritt ist frei.

Die „Brandenburger Notizen: Fontane – Krüger – Kienzle“ sind in Zusammenarbeit mit Dr. Gabriele Radecke erschienen. Weitere Informationen zur digitalen Notizbuch-Edition sind unter  www.fontane-notizbuecher.de zu finden.

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