Theater in der Gipsabgusssammlung

In der Schauspielperformance „Komm und sieh die Stadt der Freiheit!“ führt die historische Persönlichkeit Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) durch die Sammlung der Gipsabgüsse antiker Skulpturen im Archäologischen Institut der Universität Göttingen. Nach der Premiere am 16. Juni wird das Stück am 24. Juni, 1. und 8. Juli 2018 jeweils um 16 Uhr zu sehen sein. Julian Schima war bei den Proben dabei und sprach mit dem Schauspielteam und dem Ausstellungsleiter darüber, warum man das Stück auf keinen Fall verpassen sollte.

Dramaturg Roman Kupisch gibt den Schauspielern Anweisungen bei den Proben

Eine wissenschaftliche Ausstellung wird zur Theaterbühne

Im Jubiläumsjahr Johann Joachim Winckelmanns – es ist der 300. Geburtstag und 250. Todestag des berühmten Vaters der Klassischen Archäologie – haben Studierende und Mitarbeitende des Archäologischen Instituts die Ausstellung Schönheit und Wissenschaft für die Sammlung der Gipsabgüsse entworfen. „Unsere Ausstellung klammert die Biografie Winckelmanns bewusst aus, um sich ganz auf die Wissenschaft und Thesen des Jubilars zu fokussieren“, sagt Dr. Daniel Graepler, Ausstellungsleiter und Kustos der Sammlung. „Die Studierenden bemerkten schon zu Beginn der Arbeit, dass diese Fokussierung eine Lücke lässt.“ Schließlich seien die Biografie und Forschung Winckelmanns eng miteinander verflochten. Um die Lücke zu füllen, entstand die Idee eines Theaterstücks, in dem der Schauspieler Götz Lautenbach als Winckelmann durch die Ausstellung führt.

Götz Lautenbach als Winckelmann während der Premiere (Foto: Martin Liebetruth).

In der Sammlung befinden sich viele Abgüsse berühmter antiker Skulpturen, die Winckelmann in seinen Schriften beschrieben hat. Die Sammlung ist damit als Theaterbühne für ein Stück über ihn prädestiniert. Lautenbach war selbst auf dem Weg, Archäologe zu werden. Er entschied sich jedoch letztlich für das Schauspiel. Er inszenierte und spielte bereits mehrere historische Persönlichkeiten in anderen Göttinger Ausstellungen: Als Georg Forster stellte er Exponate auf der Ausstellung „Dinge des Wissens“ in der Paulinerkirche und als Baron von Asch in der Ethnologischen Sammlung vor. In den Stücken möchte Lautenbach Wissen auf innovative und sinnliche Art vermitteln. „Hinter allen ausgestellten Objekten stehen menschliche Persönlichkeiten und Biografien, somit ist die Beschäftigung mit Sammlungsobjekten zu allererst auch eine Beschäftigung mit dem Menschen“, erklärt Lautenbach. „Winckelmann schafft es, durch seine Beschreibungen der Statuen eine emotionale Anbindung an die Objekte zu erzeugen. Das wollen wir schauspielerisch umsetzen.“

Das Performance-Team Roman Kupisch (Dramaturg), Philipp Schlöter und Götz Lautenbach (beide Schauspieler) mit dem Kustos der Gipsabgusssammlung, Dr. Daniel Graepler (v.l.n.r.).

Die Gipsabgusssammlung als Installation

Die Sammlung der Gipsabgüsse antiker Skulpturen geht auf Christian Gottlob Heyne (1729–1812) zurück, der als Professor und Leiter der Göttinger Universitätsbibliothek die ersten Objekte anschaffte. Diese waren zuerst nur als Dekor für die Bibliothek gedacht. Heyne folgte dem zeitgenössischen humanistischen Grundgedanken, dass sich die Studierenden durch die Anwesenheit ästhetischer Statuen ganz nebenbei ethisch erhöhen. Später erwarb er die Abgüsse, um seine berühmten Vorlesungen über die Archäologie anschaulicher zu gestalten. Heute beherbergt die Sammlung mehr als 2.000 maßgetreue Reproduktionen antiker Skulpturen und zählt damit zu den größten Einrichtungen dieser Art. Die Ausstellungsobjekte der Sammlung stehen auf fahrbaren Sockeln, da sie für Lehrveranstaltungen umgruppiert werden müssen. Diesen Umstand macht sich die Schauspielperformance zu Nutzen. Die Exponate dienen nicht als hintergründige Kulisse, sie sind vielmehr Teil einer Installation.

Ästethisch-schauspielerische Umsetzung der Schriften Winckelmanns zu den antiken Skulpturen

Im Pergamon-Saal etwa wurden die Statuen von Lautenbach und Roman Kupisch, dem Dramaturgen des Stücks, neu arrangiert: Die verschiedenen Figuren kehren den Besucherinnen und Besuchern der Sammlung den Rücken zu, verweigern die Präsentation, indem sie untereinander interagieren. „Das ist das äußerste an Gewalt, was man einer Ausstellung antun kann, wenn man sie ihres Präsentations-Charakters beraubt“, erklärt der Schauspieler. „Zugleich weckt man so aber auch die Neugier darauf, wie sich die Figuren normalerweise zeigen.“ Gleichzeitig flößt das Arrangement den Exponaten ein unheimliches Eigenleben ein; das ist auch so gewollt: „Diese Rauminstallation vermittelt ein Unwohlsein und die verlorene emotionale Anbindung an die Objekte.“ Ein Sinnbild für die Krise, die Winckelmann in seinem Leben ereilte. Es geht in der interaktiven Performance durch Treppenhäuser, Hörsäle und Statuen-Wälder – das Publikum folgt dabei. Viele Räume der Sammlung werden wie der Pergamon-Saal in das Stück eingebunden und metaphorisch aufgeladen. Treppen etwa versinnbildlichen den Ausblick auf Neues. Der prunkvolle Parthenon-Saal hingegen spiegelt Winckelmanns Popularität und Gastfreundschaft wider.

Do not touch – lasst euch berühren!

Schlöter und Lautenbach vor dem Torso von Belvedere

Die Inszenierung erfolgt mit den Möglichkeiten, die die Sammlung vorgibt: „Wir nehmen die Räumlichkeit in ihrer Einzigartigkeit als das an, was sie ist: eine Sammlung, ein Museum. Das nutzen wir für unser Stück.“ Die Skulpturen der Sammlung zu berühren ist natürlich verboten. Trotzdem schaffen es Lautenbach und Schlöter in ihrer ästhetisch-schauspielerischen Darstellung mit den Exponaten zu interagieren. In einer Szene, die um den Abguss des berühmten Torsos von Belvedere spielt, nehmen die beiden die Bewegungen der Statuen um sie herum scheinbar auf und führen sie fort. Die Darsteller sprechen einen künstlerischen Dialog, der auf Schriften Winckelmanns über den Torso basiert, und nehmen das Publikum emotional ganz nah an das Objekt heran.

So erreichen sie virtuos das Ziel einer innovativen und sinnlichen Wissensvermittlung. Wer’s wissen will, sollte das auf keinen Fall verpassen – lasst euch von dem Leben und den Wundern des Johann Joachim Winckelmann berühren!

Karten gibt es im Archäologischen Institut, Nikolausberger Weg 15, Telefon: 0551 39-7502, sowie in der Tourist-Information im Alten Rathaus.
Weitere Infos: Komm und sieh die Stadt der Freiheit!
Zur Veranstaltung auf Facebook.

Für die Theaterperformance wird der Pergamon-Saal in der Gipssammlung zu einer Rauminstallation – weitere Vorstellungen finden am 24. Juni sowie am 1. und 8. Juli statt. Zusätzliche Termine im Herbst werden noch bekannt gegeben.

Das Projekt wird gefördert von KUNST e. V., Landschaftsverband Südniedersachsen e. V. und der Georg-August-Universität Göttingen.

 

 

Fotos (wenn nicht anders erwähnt): Julian Schima

 

3 Kommentare

  1. Julian Schima

    Letzte Möglichkeit: Aufgrund des großen Erfolgs der Schauspielperformance freuen wir uns über zwei Zusatztermine am 18. November und am 2. Dezember 2018 jeweils sonntags um 16 Uhr. Das werden definitiv die letzten Termine sein, da die Sonderausstellung „Schönheit und Wissenschaft“ am 9. Dezember feierlich beendet wird. Karten sind im Vorverkauf im Archäologischen Institut, Nikolausberger Weg 15, sowie in der Tourist-Info im Alten Rathaus erhältlich.

  2. Julian Schima

    Eine Neufassung der Theaterperformance „Komm und sieh die Stadt der Freiheit!“ hat am 30. September 2018 Premiere in der Gipsabgusssammlung. Weitere Termine sind der 7. und 14. Oktober. Der Vorverkauf hat bereits begonnen.
    Karten gibt es im Archäologischen Institut, Nikolausberger Weg 15, Telefon: 0551 39-7502, sowie in der Tourist-Information im Alten Rathaus.

  3. „So sehr Winckelmann bei Lesung der alten Schriftsteller auch auf die Dichter Rücksicht genommen, so finden wir doch, bei genauer Betrachtung seiner Studien und seines Lebensganges, keine eigentliche Neigung zur Poesie, ja man könnte eher sagen, daß hie und da eine Abneigung hervorblicke; wie denn seine Vorliebe für alte gewohnte Luthersche Kirchenlieder und sein Verlangen, ein solches unverfälschtes Gesangbuch selbst in Rom zu besitzen, wohl von einem tüchtigen, wackern Deutschen, aber nicht eben von einem Freunde der Dichtkunst zeuget.
    Die Poeten der Vorzeit schienen ihn früher als Dokumente der alten Sprachen und Literaturen, später als Zeugnisse für bildende Kunst interessiert zu haben. Desto wunderbarer und erfreulicher ist es, wenn er selbst als Poet auftritt, und zwar als ein tüchtiger, unverkennbarer in seinen Beschreibungen der Statuen, ja beinahe durchaus in seinen spätern Schriften. Er sieht mit den Augen, er faßt mit dem Sinn unaussprechliche Werke, und doch fühlt er den unwiderstehlichen Drang, mit Worten und Buchstaben ihnen beizukommen. Das vollendete Herrliche, die Idee, woraus diese Gestalt entsprang, das Gefühl, das in ihm beim Schauen erregt ward, soll dem Hörer, dem Leser mitgeteilt werden, und indem er nun die ganze Rüstkammer seiner Fähigkeiten mustert, sieht er sich genötigt, nach dem Kräftigsten und Würdigsten zu greifen, was ihm zu Gebote steht. Er muß Poet sein, er mag daran denken, er mag wollen oder nicht.“ (Goethe)

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